Journal

Sammellust & Sammelfieber

Sammelleidenschaft

Vom Sammeln und Horten

Es gibt wohl nichts, was nicht von Menschen auf dieser Welt „gesammelt“ wird: Briefmarken, Fotos, Insekten, Kaugummipapier, Zitate, Bücher, Überraschungseierfiguren, Kalenderblätter, Blechdosen, Bananenaufkleber, Zeitungsausschnitte, Bierdeckel, Kinokarten, Autogramme. Oder es werden Objekte wie Möbelstücke, wertvolle Bilder, Porzellan, Silberbesteck oder poppige Designer-Schuhe angehäuft. Und jedes Ding scheint die Besonderheit zu sein.

Die Industrie hat diesen Sammeltrieb schon längst als gewinnbringendes Werbekonzept umgesetzt: Sammelobjekte werden auf den Markt geworfen, natürlich in streng limitierter Auflage.

Die Fülle an geistes- und sozialwissenschaftlicher sowie sozialpsychologischer und kulturhistorischer Literatur ist schier unüberschaubar und gleicht ähnlich einer enormen Sammlung. Die Bestrebung: dem Phänomen des Sammelns auf die Spur zu kommen.

Theorien & Ursachen
Eine Vielzahl an Theorien zur Ursache von Sammellust & Sammelfieber werden diskutiert – von traumatischen Verletzungen in der Kindheit ist die Rede, dem Umgang mit der Vergänglichkeit des menschlichen Daseins, der Kompensation innerer Leere. Und die Ausschüttung des Botenstoffs Dopamin könnte auch mit im Spiel sein. Und dann wird auch schnell über den Sammelzwang (hoarding disorder) gefachsimpelt, der sogar mittlerweile von Psychologen als seperate „Diagnose“ eingeführt wurde; eine kritische Hinterfragung dessen wäre wünschenswert. Und der unschöne Begriff „Messie“ findet auch schnell Verwendung, wenn sich ein Mensch mit sehr, sehr vielen Dinge umgibt. Ach und übrigens: mit dem sakralen Charakter der Urform des Geldes soll das Sammeln ebenso in Verbindung stehen wie mit dem Imponiergehabe eines röhrenden Hirschen.

Sammellust & Sammelfieber
Das Thema scheint ein weites Feld zu sein. Fakt ist: Die Menschheit würde nicht überlebt haben, ohne zu sammeln. Durch das Sammeln persönlicher Erfahrungen erhalten Menschen Orientierung darüber, was richtig oder falsch, gefährlich oder ungefährlich, positiv oder negativ ist.

In der Wissenschaft geht nichts ohne Sammelleidenschaft: Jeder gute Forscher muss einen gewissen Sammeltrieb haben: Daten akribisch zusammentragen und sammeln, um Hypothesen und Theorien ein Fundament zu geben.

Früher stellten Fürsten ihre Macht durch den Besitz herausragender Sammlungen von Literatur und Kunst zur Schau. Dieses Prinzip der Machtdemonstration wird nach wie vor ein starkes Motiv von Sammlern sein. Eitelkeit und Narzissmus spielen sicherlich auch eine große Rolle, wenn es gilt, die besten Briefmarken, Medaillen oder Uhren zu haben und diese auch der Welt zu zeigen. Was für ein Glück, dass es derartige meist Alpha-Männchen gegeben hat und gibt; die Museen wären vermutlich ansonsten leer bzw. es gäbe gar keine.

Und welch eine Freude für viele Sammelfreudige mit gleichgesinnten Sammlern soziale Kontakte zu pflegen und die Freizeit miteinander zu gestalten…

Gesundes Sammeln? Pathologisches Horten?
Sammeln konzentriert sich meist auf ein Thema. Und: Die Sammlung konkurriert nicht mit dem Lebenraum ihres Besitzers.
Horten hingegen erstreckt sich auf alle Lebensbereiche. Und: Horten findet – so meinen einige Forscher- eher im Stillen statt, in der Isolation.

Sammler sind meist sehr gut organisiert und haben Struktur in ihrem Sammeln. Diese Ordnung ist oft auch für Außenstehende sichtbar. Chaotische Sammler (Horter) hingegegn sammeln von allem ein bisschen, haben kein System und haben auch kein besonders großes Interesse am Ordnen. Doch in ihrem scheinbaren Chaos kann eine eigene Ordnung herrschen. In den Fällen finden sie mit exakter Treffsicherheit irgendeinen gewünschten Beleg.

Ob das Maß des Sammelns als gesund oder pathologisch zu bewerten ist, sollte jeder für sich selbst beurteilen und gehört in den Bereich des eigenen Empfindens: Ist das Sammeln eine Leidenschaft oder schafft das Sammeln Leid?

Tipp: Digitales Sammeln
Das Internet mit seiner Fülle an Informationen verführt gerade dazu, wahllos Links, Fotos und Texte anzuhäufen frei nach dem Motto „diese könnten ja noch irgendwann für irgendetwas gut sein“. Machen Sie den Selbsttest und erleben Sie bewußt Ihr digitales Agieren! Was und wie sammeln oder horten Sie?

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P.S.: Bitte beachten Sie: Aufräumen ist ein individueller Prozess. Welche Dinge in Ihrem persönlichen Umfeld verbleiben oder von welchen Sie sich trennen wollen, obliegt einzig und allein Ihnen.